Das Bewerbungsgespräch ist das am häufigsten eingesetzte Auswahlinstrument
Das Einstellungsgespräch bzw. Interview stellt zusammen mit der Bewerbungsunterlagen-Analyse häufig das bedeutsamste Instrument bei der Einstellungsentscheidung dar (vgl. Amelung / Heimbrock / Schneider, 2007, S. 73 – 77; vgl. Weuster, 2008, S. 170). Laut dem Institut für Mittelstandsforschung (IFM) setzen 88,8% der KMU Interviews als Personalauswahlinstrument ein (Kay, 2007, S. 24). Interviews eignen sich sowohl für den Einsatz bei internen als auch externen Bewerbern und sind unabhängig von der Funktion und betrieblichen Hierarchieebene der zu besetzenden Stelle anwendbar.
Grundsätzlich verfolgen Interviews fünf Ziele (vgl. Schuler / Höft, 2007, S. 314; vgl. Kahlke / Schmidt, 2004, S. 93 – 100; vgl. Kanning / Pöttger / Klinge, 2008, S. 107):
- Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Bewerbern: Transparenz des Auswahl- und Beurteilungsprozesses herstellen, Erwartungen abklären, realistische Einschätzungen zum Tätigkeitsfeld geben,
- Marketing: Bewerbern das Unternehmen attraktiv darstellen,
- Auswahl / Beurteilung nach Leistungsprognose: geeignete Bewerber ermitteln, Eindruck von der Persönlichkeit der Bewerber erhalten, Passung bzgl. tätigkeitsrelevantem Verhalten, Kompetenzen und Fertigkeiten abklären,
- Passung von Unternehmen und Bewerbern: Kompatibilität von Werten etc. einschätzen,
- Verhandlung: Gehalt, Eintrittszeitpunkt usw. klären.
Die Gespräche können als Einzel- oder Panelinterviews (Boardinterview) geführt werden. Während bei der erstgenannten Gesprächsform ein Interviewer das Gespräch mittels Fragen führt, sind bei der zweiten Form mindestens zwei Interviewer beteiligt. Schuler rät dazu, dass lediglich ein Interviewer das Gespräch führt, um z.B. Abstimmungsprobleme oder den Eindruck einer Prüfungssituation zu vermeiden (vgl. Schuler, 2002, S. 223f.).
Stephan und Westhoff befragten in einer repräsentativen Studie branchenübergreifend 101 Unternehmen, die über die KMU-Größenkriterien hinausgingen, zum Einsatz von Interviews (Stephan / Westhoff, 2002, S. 3). Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 98% der untersuchten Unternehmen Führungskräfte über Bewerbungsgespräche auswählten, aber weniger als 10% der Unternehmen führten die Interviews fachlich so durch, dass sie valide Ergebnisse erbringen können (Ebd., S. 3) Es ist zu vermuten, dass entsprechende Untersuchungen bei KMU zu vergleichbaren Ergebnissen kommen.
Frei geführte Einstellungsgespräch, d.h. unstrukturierte Interviews, sind aus verschiedenen Gründen extrem anfällig für subjektive Wertungen (vgl. Schuler / Höft, 2007, S. 313f.; vgl. Bles, 2007, S. 216f.; Strobel, 2004, S. 19f.; Claaßen, 2008, S. 53, vgl. Bauer / Aigner, 2008, S. 79; vgl. Kahlke / Schmidt, 2004, S. 110, vgl. Weuster, 2008, S. 282ff.):
- Ein mangelnder Anforderungsbezug der Fragen.
- Soziale Einflussfaktoren wirken durch den direkten persönlichen Kontakt von (Körper-) Sprache, Verhalten, Erscheinungsbild, Werten und Gefühlen in einem Interaktionsprozess sowohl auf den Interviewten als auch auf den Interviewer (unbewusst) ein.
- Beurteilungsfehler entstehen durch verzerrte Wahrnehmungen im Gespräch und der Auswertung.
- Kontrast-Effekte beeinflussen das Urteil. Die positive oder negative Leistung eines vorherigen Bewerbers verfälscht die Bewertung des Folgebewerbers unverhältnismäßig in Richtung des anderen Extrems.
- Eine Beeinflussung des Urteils entsteht durch Vorinformationen über den Bewerber.
- Von einem Rosenthal-Effekt wird gesprochen, wenn das Gespräch durch negative oder positive Erwartungen beeinflusst wird.
- Es kommt zu einer Übergewichtung negativer Informationen durch die Angst, einen Ungeeigneten einzustellen.
- Eine Tendenz zur Mitte bei der Bewertung entsteht bspw. aus der Befürchtung des Beurteilers, Fehler zu machen (Zentraltendenz-Effekt).
- Eine Überbewertung früher Eindrücke und eine Fixierung darauf bewirken, dass darauf folgende Informationen diesen fälschlicherweise zu und / oder untergeordnet werden.
- Beurteiler bewerten diejenigen Kandidaten positiver, die ihnen in Verhalten und Herkunft ähneln (Einer-wie-ich-Syndrom).
- Beurteilungstendenzen sind sog. Milde- oder Strengeeffekte, die aus der grundlegenden Beurteilungshaltung des Interviewers resultieren.
- Durch die Stimmungslage des Interviewers kommt es zu Verzerrungen im Urteilsprozess. Der Ausprägungsgrad der Stimmungslage hat entsprechenden Einfluss auf die Beurteilung.
- Ein dominierendes Merkmal strahlt auf weitere ab, so dass bspw. ein positiver Befund zu einer Kompetenz oder Fähigkeit zu unreflektierten
Übertragungseffekten auf andere führt. In diesem Fall spricht man von einem Halo-Effekt.
Dementsprechend zeigen laut der von Gourmelon hinzugezogenen Analyse von Huffcutt und Arthur unstrukturierte Interviews lediglich eine Prognosestärke von r=.20 (Huffcutt / Arthur, 1994, o. S. in Gourmelon, 2009, S. 207). (Teil-) Strukturierte Interviews weisen hingegen einen Wert von r=.52 (MMI) auf (S & F Personalpsychologie Managementberatung GmbH: http://www.personalpsychologie.de/personaldiagnostik/multimodales_ interview_mmi/, Zugriff: 04.06.2012). Die erfolgswirksamen Faktoren der Strukturierung liegen in den Bereichen der Interviewdurchführung und Auswertung der Antworten. Dies betrifft insbesondere die Verwendung identischer Fragen an die Bewerber und die skalierte Bewertung der Antworten einzelner Fragen (vgl. Bles, 2007, S. 218). Der Einsatz strukturierter Interviews führt dazu, dass auch weniger qualifizierte Interviewer eine „…ausreichende Ergebnisqualität…“ erzielen (Schuler / Höft, 2007, S. 314; vgl. Kahlke / Schmidt, 2004, S. 107). Bezogen auf den Interviewinhalt, trägt eine starke Orientierung am stellenbezogenen Wissen sowie an konkreten erfolgsrelevanten Fähig- und Fertigkeiten zur Steigerung der Prognosekraft bei (vgl. Bles, 2007, S. 218ff). Die Fragen strukturierter Interviews sind typischerweise biografie-, situations- und persönlichkeitsorientiert (vgl. ebd., S. 218ff).